Männerwanderung in Norwegen September 2010

Bericht aus Sicht eines alpinen Einsteigers und Neu-Rentners

oder: Der Lazarus zu Thomasberg

 

Im Frühsommer musste ich als Webmaster einen Hinweis auf die vorgesehene Männerwanderung auf unsere Homepage stellen. Als Frischrentner dachte ich, da habe ich doch Zeit und könnte mal ein bisschen mitspazieren, das wird mir sicher gut tun. Kurzum habe ich mich beim Organsiator Burkhard Leh angemeldet. Trotz meiner 65 Lenze hielt ich mich noch für einigemaßen fit, zumal ich die "7 auf einen Streich" (alle 7 Berge unseres Heimatgebirges) und den 30km-Marsch des Generalanzeigers nur mit ein bisschen Muskelkater, aber ohne bleibende Schäden überstand. Auch mit dem Fahrrad schaffe ich es gerade gerade noch so auf den Öl- und Petersberg.

Nach dem letzten Gottesdienst vor der Wanderung erfuhr ich von unserem Pfarrer noch einige Einzelheiten über die Wanderung, unter anderem auch, dass es ein 5-Tagesmarsch sein wird, wo man sämtliche Klamotten im Rucksack natürlich von Hütte zu Hütte selbst schleppen musste. Um die Sache noch abzurunden, übergab er mir großzügigerweise noch ein paar Spikes für die Stiefel, ein Seil und einen Sicherheitsgurt, damit ich die Gletscher auch besser schaffe. Da schwante mir schon, dass meine vieljährige Ölberg- und Drachenfelserfahrung vielleicht doch nicht ganz reichte.

Gleich am folgenden Montag besuchte ich, fast in Panik, meinen Wanderfreund Winfried Pernau, der schon einige alpine Erfahrung besaß. Er stattete mich gleich mit einem Riesen-Rucksack und Schlafsack sowie wasserfeste Hose und Jacke aus, wofür ich ihm natürlich sehr dankbar war. Beim Gedanken, dass ich das alles auch noch 5 Tage schleppen muss, wurde mir allerdings nicht viel wohler. Gleich am nächsten Tag packte ich den kompletten Rucksack und zog die von Winfried erhaltenen Klamotten an, und marschierte sozusagen als ersten "Probelauf mit Gepäck" den Ölberg hinauf, zumal ich dort noch einige Wartungsarbeiten an unserer Wetterstation erledigen musste. Das klappte ganz gut, mit dem Gepäck ging ich halt etwas langsamer die Steigungen an, kam aber wegen der wasserdichten Jacke völlig (vom Schweiß) durchnässt oben an. Nach der Rückkehr spürte ich meine Gelenke ein wenig, immerhin war das meine erste Wanderung mit Gepäck seit 45 Jahren, die ich schon während meiner damaligen Bundeswehrzeit nicht sonderlich genoss. Da musst du halt durch, Karl, Zusage ist Zusage, und bezahlt war ja auch schon!

Dann kam der Freitag, die Abreise. Die Wettervoraussage von Zentral-Norwegen sah im Internet Gott sei Dank recht erfreulich aus. 7.30h trafen wir uns am Parkplatz in H'rott, von wo es dann in Fahrgemeinschaft Richtung Flughafen Weeze (Nähe Kleve) ging. Nachdem ich am Flughafen noch die Stöcke irgendwo am Rucksack verstaut hatte, ging das Einchecken beim Billigflieger auch ohne Probleme vor sich. Der Rucksack wog genau die zugelassenen 10 Kilogramm. Am Flughafen trafen wir dann auf die andere Hälfte der Teilnehmer, meist Mitglieder der ev. Kirchengemeinde Seelscheid. Nach gut 1,5 Stunden Flug kamen wir in Norwegen an dem kleinem jwd-Flughafen Rygge 60 km südlich von Oslo an, wo wir die Stadtmitte dann 1 Stunde später mit dem Bus erreichten. Am Busterminal hatten wir dann eine gute Stunde Aufenthalt, die ich nutzte, mir noch ein paar Hustenpastillen zu besorgen und einen kurzen Blick auf den nahegelegenen Hafen zu werden. Einen leichten Husten hatte ich mir schon in Deutschland zugezogen, wahrscheinlich bei meinem verschwitzten Probelauf den Ölberg hinauf und Unachtsamkeit beim Abkühlen.

Der Hafen von Oslo vor dem Zentralbahnhof, mit Kreuzfahrschiffen

Nach gut 4 Stunden Fahrtzeit mit dem Bus und einmal Umsteigen kamen wir schließlich bei unserer ersten Unterkunft in Valdresflya an. Unten ist ein Übersichtskarte von Norwegen, wo das Wandergebiet in etwa markiert ist, gefolgt von der Satellitenkarte, wo die Lage der Hütten und Wanderwege eingezeichnet wurden.

Übersichtskarte Norwegen mit Zielgebiet

 

Satellitenansicht des Wandergebietes Jotunheimen, mit Hütten 1 - 6 und Wanderstrecken

 

Die Unterkunft war eine Jugendherberge, wo wir erstmal ein kräftiges Abendbrot bekamen. Die Schlafräume waren, wie in den folgenden Herbergen bzw. Hütten, 4- bis 6-Bettzimmer, die mit Laken und warmen Bettdecken ausgestattet waren. Meinen dicken Schlafsack hatte ich Gott sei Dank noch bei der Abreise in H'rott meiner Frau wieder zurückgegeben, der war wirklich nicht notwendig. Meine anderen Wanderfreunde hatten in der Regel einen dünnen Leinenschlafsack mit, der nicht gegen die Kälte, sondern nur für die Hygiene vorgesehen war. Die vorgefundenen Bettlaken und Kopfkissen waren zwar durchweg sauber, aber eben schon von anderen Gästen benutzt. Ich behalf mich mangels Leinensack mit einem Hemd, mit dem ich das Kopfkissen umhüllte. Dei Nacht verlief ruhig, ich konnte einigermaßen gut schlafen, irgendwelche Schnarcher störten mich nicht. Da half mir sicherlich auch meine teilweise Schwerhörigkeit, das gute Ohr auf das Kopfkissen, das taube nach oben.

Am Morgen gabe es ein kräftiges Frühstück, das es sicherlich mit einem 3-Sternehotel in Deutschland aufnehmen könnte. Danach versammelten sich alle Teilnehmer vor der Hütte, und stimmten mehrere Lieder, meist auch als Kanon, an. Jeder bekam schon am Flughafen ein paar Liedblätter in die Hand gedrückt, die wir immer griffbereit zu halten hatten. Das Singen wurde dann mit einer kurzen Andacht und Gebet abgeschlossen. In der Tat richteten mich das allmorgendliche gemeinsame Singen und die Kurzandacht irgendwie auf, weil ich immer vorher ein bisschen Zweifel hatte, ob ich den heutigen Tag aufgrund meiner Unerfahrenheit auch gesund überstehe.

Burkhard bei der Andacht nach dem allmorgendlichen Singen, vor der Hütte in Valdresflya

Dann ging es los in Richtung Torfinnsbu (2), unsere nächse Zielhütte, ca. 13 km Fußmarsch. Die ersten 8 km waren recht angenehm zu laufen, es ging leicht bergab in Richtung Bygdin-See. Ein Weg oder Trampelpfad war in der Regel nicht zu erkennen, man musste sich an kleine Steinhäufchen orientieren, die ca alle 50 bis 100 m sichtbar waren, und die manchmal mit einem roten T bepinselt waren. Schon nach 5 km hatte ich aber schon meine erstes "Lehrgeld" bezahlen müssen: bei einer Bachdurchquerung rutschte ich aus, ein Schuh und ein Knie versank im Wasser, aber sonst blieb ich unversehrt. Auf der anderen Bachseite waren die Socken schnell gewechselt, das Knie blieb mit der wasseresistenten Hose trocken. Ein anderer Mitwanderer, ein stattlicher Kerl von ca. 1,95 m, hatte nicht so viel Glück, er rutschte aus, verlor die Balance, und flog mit dem ganzen Rucksack in den Bach. Er zog sich da vermutlich Prellungen oder Zerrungen in der Schulter zu, die ihm in den folgenden Tagen zu schaffen machten. Ich nenne ihn mal hier und im folgenden den Lazarus II, da ich mich schon vorher innerlich zum Lazarus I abstempelt habe, obwohl ich eigentlich noch topfit war. Ich erwähne das kleine Missgeschick hier insosfern, da ich meine Lehren hieraus zog, und mich auf den folgenden Touren und Bachüberquerungen, entsprechend vorsichtiger verhielt, und somit ohne weitere "Ausrutscher" oder Schäden die gesamte Tour überstand. Die Bezeichnung Lazarus ist hier im biblischen Sinne wohl etwas danebengegriffen, da ja niemand re-animiert werden musste.

Mein erster und letzter Ausrutscher in diesem Bach, mit anschließendem Sockenwechsel

Erster Blick auf den Bygdyn-See

Die Strecke bis zum Bygdin-See war relativ angenehm zu laufen. Es mussten ein paar kleinere Sumpfstellen überquert werden, wobei die vielen herausragenden Steine als Trittfläche halfen. Der Weg am See war etwas schwieriger, da hier über kilometerweites grobes Geröll und etwas weitere Sumpfstrecken gelaufen werden musste. Hierbei halfen mir meine Walking-Stöcke. Einerseits ermöglichten sie mir das Balance-Halten bei schwierigem Gelände, anderseits entlasteten sie meine Gelenke erheblich. Sobald ich bei der Wanderung meine Kniegelenke etwas spürte, verstärkte ich den Druck auf die Stöcke, und innerhalb weniger Minuten war in den Gelenken nichts mehr zu spüren. Dieses Prinzip der bewussten Lastverteilung hielt ich während der ganzen Wanderung durch, womit ich alle Strapazen ohne böse Folgen überstand.

Ankunft und Erholung vor der Hütte in Torfinnsbu

In der einsamen Herberge fehlte es aber an nichts, es gab wieder ein tolles Abendbrot, und Bier konnte man auch bestellen. Irgenwann tauchte aus dem Nichts ein nordischer Jüngling mit wallendem blonden Lockenkopf auf, stattliche Figur und freier Oberkörper, aber Stiefel an. Zuerst hielt ich ihn für den Hüttenwart, aber in der Tat war es Burkhards Bruder, der uns bis zum Ende der Tour unterstützte und begleitete. Das andere Top-Erlebnis dieses Abends war die Landung eines Hubschraubers neben der Hütte (Grund des Besuchs unbekannt, vielleicht nur mal gucken).

Landung des Hubschraubers in Torfinnsbu

Am nächsten Morgen nach dem Aufstehen stellte ich überraschend fest, dass ich absolut keinen Muskelkater oder Gelenkprobleme hatte. Auch meine Schultern taten mir wegen des 10 kg schweren Rucksacks nicht weh. Da hatte ich wesentlich Schlimmeres befürchtet. Nach dem Frühstück wagte ich mal einen Blick in das Gästebuch, wo sich jeder mit Geburtsjahr eingetragen hatte. Ich war somit der zweit-älteste Teilnehmer, nur Wanderfreund F. hatte knappe 3 Lenze mehr auf dem Buckel. Letzterer hatte aber einen weit günstigeren Body Mass Index als ich mit meinem Übergewicht, und war erfahrener alpiner Wanderer. Also war ich eigentlich der Underdog der gesamten Truppe. Aber was soll's, das morgendliche Singen und Andacht hoben meine Moral wieder um einige Potenzen, und weiter ging es in Richtung zur nächsten Hütte nach Gjendebu.

In Richtung Gjendebu war auch eine ca. 13 km lange Strecke zu überwinden, aber mit etwas schwierigerem Gelände. Gleich zu Anfang mussten wir einen Höhenunterschied von 300- 400 m überwinden, wo ich ganz kräftig ins Schwitzen geriet. Ich bin aber Schritt für Schritt langsam hinaufgestiegen, mein Tempo immer an den jeweiligen Zustand meiner Lunge bzw. Pumpe angepasst und mich keinenfalls vom Ehrgeiz treiben lassen. Oben angekommen, machte ein kleine Gruppe schon Pause, bei der ich auch erstmal meinen Flüssigkeitshaushalt ausgleichen musste. Beim Aufstieg schien es mir so, als ob ich den Liter vom Frühstück, bestehend aus Kaffee, Orangensaft und Wasser, innerhalb der 60 min des Aufstiegs komplett ausgeschwitzt hätte. Aber diese erste wirklich köperliche Herausforderung habe ich bestens überstanden, vermutlich weil eine innere Uhr immer eine angepasste Geschwindigkeit eingestellt hatte, und ich nie versuchte, an meine Leistungsgrenzen zu gehen.

Zwischen Torfinnsbu und Gjendebu, auf knapp 1500 m Höhe

 

Eine kleine Trinkpause

Der Gjende-See in Sicht, vor dem Steilwandabstieg

 

Birkenwald beim Abstieg auf Gjendebu (3)

Der Weg von Torfinnsbu nach Gjendebu war insofern beindruckend, dass er durch völlig verschiedene Landschaften mit unterschiedlichen Vegetationen führte. Der Anfang der Strecke führte teilweise durch brusthohes Buschwerk (für mich, für die anderen Wanderer bauchnabelhoch), dann weit oben über sehr karges Land, wo die Steine nur von Moos bewachsen waren. Links und rechts konnte man zu den beindruckenden Gletschern hinaufblicken. Letzendlich konnte man den Gjende-See von weitem sehen, wo ja auch unser Ziel lag. Aber die Freude währte nicht lange, denn jetzt ging es erst richtig los. Hier musste in kürzester Entfernung mehrer hundert Meter Höhenunterschied abwärts überwunden werden. Das schaffte ich nur auf dem Hosenboden, manchmal auch nur durch Rückwärtsgehen, wobei ich mich eisern mit beiden Händen an den Felsecken festhalten musste. Auch das habe ich überlebt, und weiter unten wurden wir entlohnt durch einen wunderschönen Birkenwald, der ein echter Kontrast zu der Kargheit des Hochtals war, das wir Gott sei Dank hinter uns gelassen haben.

Ich war aber nicht der Letzte, der ankam. Es waren die Gebrüder Leh und ein paar Samsons aus Seelscheid, die erst 1 Stunde später eintrudelten. Das war aber kein Grund, mein Underdog-Bewusstsein zur Seite zu schieben. Die beiden hatten sich nebenbei noch ein paar Gletscher links und rechts gegönnt, die ich trotz mitgeschleppten Steigeisen, Gletschergurt und Seil tunlichst gemieden hatte. Das Schönste des ganzen Abends war die schöne warme Dusche und eine tolle Fischsuppe beim Abendessen, das Schlechteste war das Hauptmenü mit Elchgulasch voller Sehnen, wofür sich der Koch aber entschuldigte.

Am Ende des Tages kristallisierte sich auch heraus, wer der Lazarus-Truppe und wer der Samson-Truppe zuzuordnen war. Zur letzteren gehörten sicher die Gebrüder Leh und einige Seelscheider. Die Lazarus-Truppe überlegte sich schon mal Alternativen, wie man die vielen Kilometer evtl. etwas verkürzen könnte. Die Lazari wurden aber nie alleine gelassen, immer wurde sie von dem ein oder anderen fitten Teilnehmer dezent begleitet.

Älteste Hütte in Gjende

Obige Hütte ist über hundert Jahre alt, die ehemalige Bewohnerin soll hier 101 Jahre alt geworden sein, also steinalt. Wir haben aber in einer etwas moderneren Behausung gewohnt.

 

Noch einmal ein Blick auf den Gjende-See

Frisch gestärkt nach Frühstück, mehr oder weniger geglückten Kanons und Andacht ging es dann am nächsten Morgen in Richtung Hütte Olavsbu, wofür etwa 16 km zu überwinden waren. Die Strecke war nicht ganz so schwierig wie die nach Gjendebu, aber hier waren einige Geröllfelder zu überqueren, die für meine eher kurzen Beinchen doch einige Probleme bezüglich Kilometerleistung bereiteten. Unterwegs traf ich einen Angler (auch einer von uns), der sich die Zeit nahm, aus dem 1444 m hochgelegenen See etwas zu fangen, aber vermutlich vergeblich.

Der (noch) fröhiche Wandervogel Karl auf dem Weg nach Olavsbu

Fast geschafft, im Hintergrund die Hütte Olavsbu (Nr. 4) in Sicht

In Olavsbu angekommen, musste ich hier (als bekennender Warmduscher) auf die Dusche verzichten. Die Hütte hatte keine Bedienung wie die anderen, hier musste selbst angepackt werden, Wasser gab es im nahegelegenem eiskalten See. Das "Anpacken" übernahmen aber die Seelscheider Wanderer, die aus den dort gelagerten Konserven und Tüten ein hervorragendes 3-Gänge-Menü für die gesamte Truppe zauberte. In der Hütte waren Lebensmittelvorräte und Brennholz sowie Gasflaschen gelagert, deren man sich nach Belieben bedienen konnte. Die entnommenen Sachen mussten dann auf einem Zettel vermerkt, der Gegenwert in norwegischen Kronen in ein Tütchen gelegt werden. Ich nehme an, dass jedes Teil hier mit einem Hubschrauber herangeschafft werden muss, auch das umfangreiche Brennholz. Die Hütte war wirklich abgeschnitten von jeglicher Zivilisation geschweige Handy-Verbindung, während die vorigen Hütten Torfinnsbu und Gjendebu wenigtsens eine tägliche Schiffsverbindung für "Wanderaussteiger" in Richtung irgendeiner festen Straße ermöglichten.

Beim abendlichen gemütlichen Beisammensein erwägten Lazarus II und III (letzterer mit schmerzhafter Sehnenzerrung am Fuß) gegenüber unseren Bergführer Burkhard, dass es sie vorzögen, die Abkürzung von Olavsbu (Nr. 4) direkt zum Endziel nach Fondsbu (Nr. 6) zu laufen, da diese bezweifelten, ob sie insbesondere die lange Tour des letzten Tages, hier 25 km über schwieriges Gelände, schaffen würden. Ich liebäugelte auch mit der Idee, mich als "selbstloser" Begleiter dieser Beiden anzubieten, natürlich mit dem Hintergedanken, mir selbst die Tortur des letzten Tages zu ersparen. Ich schwieg aber erst mal und hörte zu. Burkhard fand die Idee mit der Abkürzung vermutlich nicht so berauschend, zumal er einige makabre Beispiele für den starken Selbsterhaltungstrieb des Menschen präsentierte (hier lieber keine Einzelheiten), und was dieser alles aushalten kann, wenn er denn will oder dazu gezwungen ist. Da musste ich erst mal schlucken, und stempelte Burkhard erstmal als "Pfarrer gnadenlos" in meinem Zwischenhirn ab. Ich überdachte eingehend meine eigene Situation: bis jetzt hatte ich eigentlich alles bestens ausgehalten, es war zwar anstrengend, aber die befürchteten Schwierigkeiten bzw. Schmerzen mit dem Rucksacktragen und Gelenken sind nicht eingetreten, und der Herr hatte mich bisher immer sicher geführt. Dann würde Er das sicherlich auch noch auf der Reststrecke tun. Somit stand für mich Zweifler fest, die gesamte Strecke ohne Abkürzung zu wagen, der Herr wird's schon richten. Den "Pfarrer gnadenlos" löschte ich wieder in meinem Zwischenhirn, und ich war im Nachinhein eigentlich sehr froh über diese Entscheidung.

Das morgige Frühstück bestand diesmal nur aus einem selbstgemachten Tee und einen mitgeschleppten Schokoladenriegel. Und nach Gesang und Andacht ging es dann weiter, allerdings ohne Lazarus II und III, die die Abkürzung nahmen. Ich fühlte mich einigermaßen fit wie jeden Morgen, und los ging's in Richtung Skogadalsboen (5). Nach 1,5 Stunden kam eine Weggabelung, wo entschieden werden musste, ob wir den leichteren, aber längeren Weg, oder den etwas kürzeren Weg über einen Bergkamm (fast Gletscher) nehmen sollten. Ich war natürlich für die erste Option, meine anderen 3 Begleiter favorisierten aber die Option 2, die wir dann schließlich nahmen. Und hinauf ging es wieder, ca. 300 m Höhenunterschied. Oben angekommen, musste erst mal wieder Pause gemacht werden. Wir fanden zwar ein trockenes Plätzchen, aber unter uns breiteten sich schon einige Schneefelder aus.

Rast auf einem Bergkamm in Richtung Skogadalsboen, Höhe 1600 m, inmitten von Schneefeldern

 

Beim Abstieg in das Nachbartal musste der Bach überquert werden. Mit den Wanderstöcken und Handreichung meiner Mitwanderer schaffte ich auch das.

 

Weiter geht es talabwärts mit sich ändernder Vegetation...

.....die immer reicher und bunter wurde. Welch ein Kontrast zu der Strecke 10 km vorher!

Endlich in Skogadalsboen (5) eingetroffen

Die letzten Kilometer bis zur Hütte Skogadalsboen waren von der Vegation her gesehen wirklich die beindruckendste Strecke. Für das Auge war es ein reine Wohltat, nach dem stundenlangen Marsch über karge Geröllfelder, die mich an Mondlandschaften erinnerten. In Skogadalsboen gab es auch wieder ein schönes kräftiges Abendbrot. Von einem Hügel in der Nähe der Hütte konnte man sogar über Handy Kontakt mit der Zivilisation aufnehmen. Von dort konnte ich meinen ersten Reisekurzbericht an meine liebe Frau absetzen, soweit das zwischen den nun stärkeren Hustenanfällen überhaupt möglich war. Lazarus II und III meldeten sich inzwischen auch vom Endziel Fondsbu, wo sie wohlbehalten angekommen waren. Als besonderes Vorkommnis ist zu bemerken, dass ich mal nachts "raus musste", ohne Taschenlampe, der Generator war schon abgeschaltet. Ich konnte mich ohne Probleme heraustasten, aber der Rückweg war schwieriger. Meine Zimmertür war eine von vielen in einem langen Korridor, die konnte ich noch nicht mal mehr erahnen. Gott sei Dank saßen da noch 2 Spätplauderer im Gastraum, die noch eine Kerze brennen hatten. Dort lieh ich mir eine Kerze mit Ständer aus, und schlich mich so als Darmol-Männchen letztendlich auf mein Zimmer.

Am nächsten Morgen kam dann die letzte große Superstrecke von 25 km über sehr schwieriges Gelände, sozusagen die Mutter aller Märsche. Gemäß meinen bisherigen eher mageren Kilometerleistungen würde ich hier etwa 10 Stunden brauchen. Burkhard ermutigte mich noch am Vorabend, dass es auch in 7 Stunden zu schaffen sei. Aber das galt natürlich nur für die Samson-Truppe, nicht für die Lazarus-Truppe, deren einziges Mitglied ich noch war. Gleich nach der ersten Stunde trennte sich der Weizen von der Spreu, nachdem wir gleich anfangs mal wieder einige hundert Meter Höhenunterschied überwinden mussten. Zwei geduldige Samariter nahmen mich aber meist in ihre goldene Mitte, und ließen mich nicht "hängen".

Und über den nächsten Bergkamm, in der Mitte sind die typischen Steihaufen für die Wegmarkierung zu sehen.

und der der nächste Pass, vorne meine beiden Begleiter bzw. Samariter

Abstieg zum Uradalsvatnet-See

Nach endlosen Auf- und Abstiegen konnte ich schließlich auf den Uradalsvatnet-See herabblicken, dessen Mitte etwa die halbe Wegstrecke bis nach Fondsbu markierte. Bis jetzt war noch alles gutgegangen. Die im o.a. Bild gezeigte Wegstrecke mit dem Geröll war typisch, für meine kurzen Beinchen und geringer Risikobereitschaft aber eine erhebliche Herausforderung. Während meine 2 Samariter aufgrund ihrer 20cm längeren Beine und besseren Kondition wie Gemsen von Stein zu Stein sprangen, musste ich mich oft auf dem Hosenboden herunterlassen, dann den nächsten Stein erklimmen. Gemäß der Karte ging der Weg immer schön am Ufer entlang, ebenso am folgenden großen Kvitevatnet-See, und in Gedanken sah ich schon einen ebenen Seeweg a là Laacher See. Aber ich wurde maßlos entäuscht. Der Weg entpuppte sich als Steilhang genau mit den großen Steinbrocken, die oft eben nicht zur eingeschränkten Schrittlänge meiner kurzen Beine passten. Ich war vielleicht etwas übervorsichtig mit den Gemsensprüngen, ich hatte aber eine Heidenangst (ich bin bekennnender Christ), dass ich irgendwo abrutsche und mir die Knöchel verdrehe. Da fiel mir irgendwie ein Satz ein: es zittern die morschen Knochen. Das ist vermutlich irgend ein Lied aus meiner unsäglichen braunen Vergangenheit, die ich ja noch in meinen ersten Lebensmonaten erlebte, aber zumindest der Titel passte jetzt zu meinen Gefühlen mit Blick auf die schier unüberwindlichen Gesteinsbrocken.

Und weiter hinauf auf von einem See über den Pass herunter zum nächsten See. Das aufgeschichtete Steinhäufchen zeigt den Weg.

 

Hurrah, das Ziel der Reise, Fondsbu am Bygdin-See, in Sicht

Endlich zeigte sich nach dem letzten Aufstieg die Hütte/Jugendherberge Fondsbu, die sich am Ende des Bygdin-Sees in der kleinen Ortschaft Eidsburgarden (6) befindet. Dort konnte ich nach 5 Tagen zum ersten Male wieder eine richtige Straße sehen, zurück in der Zivilisation. Es dauerte von hier zwar noch eine gute Stunde, bis wir das Ziel erreichten, da der Weg von dichtem Buschwerk bewachsen und recht sumpfig war. Als ich endlich unten angekommen war und die Straße unter meinen Füße hatte, wollte ich die Straße fast küssen, so erleichtert war ich, ich beschränkte mich aber auf ein kurzes Dankesgebet. Ich hatte die ganze Tour tatsächlich ohne eine einzige Blessur überstanden, kein einziges Mal hatte ich Schwierigkeien mit meiner Gesundheit bzw. Kondition. Irgendwie hat mich Gottes Hand immer sicher geführt, meine Laufgeschwindigkeit immer meiner Leistungsfähigkeit angepasst, sodass ich mich selbst nie überforderte. Natürlich war mir bewusst, dass ich die Geduld meiner beiden Begleiter/Samariter etwas strapazierte, aber insofern hatten sie auch ein Erfolgerlebnis: sie hatte mich unversehrt zum Ziel gebracht.

In der Hütte Fondsbu beim Abendessen

Wir kamen noch kurz vor Dunkelheit an, meine Zeitschätzung am Morgen von 10 Stunden passte ziemlich genau. Wir kamen kurz nach 20.00 Uhr an, die anderen hatten gerade mit dem Abendbrot begonnen. Die heiße Suppe schmeckte mir vorzüglich, aber das Hauptmenü mit dem schönen Lachs packte ich kaum noch. Vermutlich war mir die Anstrengung des Marsches oder die Erkältung doch ein wenig auf den Magen geschlagen. Beim abendlichen gemütlichen Zusammensein wurde noch ein wenig gesungen, ich brachte aber wegen meiner fortgeschrittenen Erkältung kaum einen Ton heraus. Trotzdem fühlte ich mich den ganzen Abend sauwohl mit dem Bewusstsein, alles unbeschadet überstanden zu haben, und als ob ich eine schwierige Prüfung mit großen Erfolg geschafft hätte.

Der Bygdin-See am Morgen der Abreise nach Oslo, es regenete zum erstenmal

Die Strecke Fondsbu - Oslo, diesmal mit dem Sitz in der ersten Reihe des Busses, aber auch mit Hindernissen

 

und noch ein Hinderniss

Fahrerwechsel bei der Busstation in Fagernes an der E16

Am Donnerstag traten wir die Rückreise von Fondsbu nach Oslo an. An diesem Morgen regnete es zum ersten Mal, was ich sichtlich genoss. Ich war heilfroh und dankbar, dass es während der Wandertour kein einziges mal regnete. Für mich wäre Regen sicherlich eine zusätzliche Belastung zu den ohnehin schon großen Anstrengungen geworden. Die grossen Steine über die ich dauernd hüpfen musste, waren für meine Schuhsohlen erstaunlich rutschfest. Wenn diese Steine nass gewesen wären, wäre ich entweder vielleicht ausgerutscht, aber auf jeden Fall hätte ich viel vorsichtiger, d.h. noch viel langsamer gehen müssen. Aber et hätt ja nochemal alles jut jejange.

In Oslo kamen wir am frühen nachmittag an, und wir hatten Gelegenheit, uns noch mal die Stadt anzuschauen, nachdem wir uns in der dortigen Jugendherberge eingecheckt hatten. Die Innenstadt war bequem mit einer Straßenbahn zu erreichen. Hier noch einige Bilder der Stadt:

Domkirken

Die Einkaufsstraße Johans Gate

Nationaltheater mit Ibsen

Das Rathaus von Oslo

Nobel Friedenzentrum

Der Hafen, im Hintergrund das Rathaus

Stortinget

Der Hauptbahnhof

Der Königspalast

und zu guter Letzt noch ein Segelschiff

Pünktlich in Weeze am Freitag nachmittag wieder angekommen, traf meine Fahrgemeinschaft nach kräftigen Staus letztendlich ca. 18.30h in H'rott ein. Leider war für mich die (Tor)Tour noch nicht zu Ende. 20 min später holte mich Burkhard von zu Hause ab, wo es dann weiter zur Klausurtagung des Bezirksausschusses nach Nümbrecht ging. Bei den abendlichen Gesprächen merkte ich doch, dass ich aufgrund meiner zunehmenden Erkältung doch etwas neben der Spur war, und ich nicht alles mit bekam. Aber igendwie überlebte ich auch den folgenden Klausurtag, auch wenn ich mir auch etwas mehr Wohlsein gewünscht hätte. Aber es kann jetzt ja eigentlich nur noch besser werden, keine Zweitausender in Sicht, keine scharfen Gletscherwinde, und vorallen keine dicken Steine, über die man springen muss.

Fazit

Für mich war die Wanderung zwar ein anstrengendes, aber sehr beeindruckendes Erlebnis. Es war meine erste mehrtägige Wanderung, erstmalig mit Gepäck, und erstmalig in einer alpinen Bergwelt. Mir kommt es fast wie ein Wunder vor, dass ich das alles ohne Verletzungen überstanden hatte, gemessen an meinen 65 Lenzen und relativen Unerfahrenheit. Der Herr hatte hier sicherlich immer seine schützende Hand über mich gehalten. Trotz der unterschiedlichen Stärken der 20 Teilnehmer waren wir doch eine homogene Truppe, wo unter den vielen Samsons auch einige Lazari noch Platz hatten. An dieser Stelle möchte ich mich bei Burkhard bedanken, der mich ermutigt hat und alles toll organsiert hat, und natürlich auch bein den Samaritern A., H. und W., die mich da mit viel Geduld begleitet haben.

 

kleiner Nachtrag: Die Wandlung vom Underdog zum Superman
In der Woche nach der Norwegenwanderung ging es für mich von Mittwoch bis Freitag schon wieder weiter, diesmal eine Busfahrt nach Brügge und Gent. Die Fahrt wurde organisiert über das monatliche Männerfrühstück H'rott, Ehefrauen durften aber mit. Hier war ich als Neu-Rentner der Benjamin der Truppe, und vielleicht direkt nach Ironman Winfried Pernau der absolut Fitteste. Das war irgendwie gut für die Seele, sich vom Underdog zum Superman aufschwingen zu dürfen.